Zum Nachdenken . . .

Moderator: Moderationsteam

Richtlinien in der Schweiz?

Beitragvon ibex » 10. Sep. 2010, 19:45

Berni hat geschrieben:ja, leider ist das bei dieser Sendung so. Ist mir nicht neu. Ich schaue diese Sendung nie.

Ja, ist wohl besser so. Unabhängige Informationen sind besser.

Gibt es Richtlinien in der Schweiz zum Umgang von Ärzten und Forschern mit der Pharmaindustrie?

Ja, es gibt Richtlinien, die von der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) von 2001 bis 2006 erarbeitet und 2006 in der Schweizerischen Ärztezeitung publiziert wurden:

Schweizerische Ärztezeitung 2006;87:5: Richtlinien «Zusammenarbeit Ärzteschaft-Industrie» (PDF)

Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften
Zusammenarbeit Ärzteschaft – Industrie

8. Bei der Publikation und Präsentation von Ergebnissen eines Versuchs ist dessen Finanzierung offenzulegen
In den Publikationen von Versuchsergebnissen ist in einer Anmerkung oder Fussnote für die Leserschaft deutlich erkennbar zu machen, wer den Versuch als Sponsor finanziert hat. Bei der Vorstellung von Versuchsergebnissen an Vorträgen, Kongressen und dergleichen ist deutlich auf diese Tatsache hinzuweisen; ebenso sind allfällige Interessenbindungen der Autoren offenzulegen.

9. Die Interpretation der Ergebnisse eines Versuchs muss von den Interessen des Sponsors unabhängig sein
Bei der Interpretation von Versuchsergebnissen in Publikationen und bei Präsentationen ist auf die Vermeidung von Interessenkonflikten zu achten. Der verantwortliche Prüfer muss deshalb besondere Sorgfalt darauf verwenden,
– die im Versuch festgestellten erwünschten und unerwünschten Wirkungen eines Produktes oder Verfahrens tatsachengetreu und kritisch zu diskutieren;
– das Kosten-Nutzen-Verhältnis des geprüften Produktes oder Verfahrens möglichst objektiv darzustellen.

10. Forscher wirken nicht mit beim Marketing von Produkten, an deren Prüfung sie beteiligt waren
Für einen Versuch verantwortliche oder daran beteiligte Prüfer dürfen ihre Glaubwürdigkeit nicht in Frage stellen, indem sie sich an Marketingaktionen für das geprüfte Produkt oder Verfahren beteiligen.

7. Referenten und Organisatoren legen allfällige persönliche oder institutionelle kommerzielle Interessen, finanzielle Verbindungen zum Sponsor, Beratertätigkeit im Auftrag des Sponsors oder Forschungsunterstützung durch den Sponsor offen
Referentenhonorare sollen angemessen sein. Im Programm und in den Unterlagen einer Veranstaltung werden alle Sponsoren aufgeführt. Referenten legen ihre Interessenbindungen dem Veranstalter, der Fachgesellschaft sowie vor Beginn ihrer Präsentation den Teilnehmern auf geeignete Weise offen.

Diese Richtlinien gibt es auch als Dokument von der SAMW, dieses Dokument hat bei gleichem Inhalt 16 anstatt 7 Seiten: Richtlinien «Zusammenarbeit Ärzteschaft-Industrie» (PDF)

Diese Richtlinien sind für alle Ärzte in der Schweiz gemäss Art. 18 der Standesordnung FMH gültig.

Übrigens: Jetzt habe ich endlich herausgefunden für was FMH steht: Foederatio Medicorum Helveticorum.
There is no such thing as a free lunch! | Wissen ist Macht! | «Heb den Blick, die Sterne sind geblieben!» Carl Zuckmayer | Venöse MS?
Benutzeravatar
ibex
 
Beiträge: 47
Registriert: 04. Jul. 2009, 11:34
Wohnort: Chablais

Re: Zum Nachdenken . . .

Beitragvon Berni » 03. Sep. 2010, 20:01

ja, leider ist das bei dieser Sendung so. Ist mir nicht neu. Ich schaue diese Sendung nie.

Gruss Berni
Der Mensch ist die beste Medizin des Menschen.
(aus Nigeria)
Berni
 
Beiträge: 276
Registriert: 30. Mär. 2006, 02:03
Wohnort: Züberwangen

Beobachter- und Tagi-Artikel zu «Gesundheit Sprechstunde»

Beitragvon ibex » 03. Sep. 2010, 08:01

Anstatt "ordentlich" über Gebührengelder wird die Sendung anscheinend teilweise via Pharmagelder finanziert. Von Pharmaunternehmen also, welche ihre Medikamente über die Krankenkassen und das heisst durch uns Zahler gezahlt bekommen. Wer hätte gewusst, dass er mit seinen Krankenkassenprämien eine Fernsehsendung sponsort?
Und diese Sendung wiederum Medikamente bevorzugt. (Was dann ja wiederum die Finanzierung der nächsten Sendung erleichtert.)


Verdeckte Werbung
Gekaufter TV-Auftritt
Beobachter Ausgabe 18 vom 01. Sep 2010
Pharmafirmen können in der TV-Sendung «Gesundheit Sprechstunde» für einen fünfstelligen Betrag einen Experten platzieren.
http://www.beobachter.ch/leben-gesundheit/medizin-krankheit/artikel/verdeckte-werbung_gekaufter-tv-auftritt/

Das Vorgehen lässt keine Zweifel: «Gesundheit Sprechstunde» kontaktiert gezielt PR-Agenturen, die zahlungskräftige Pharmaunternehmen zu ihren Kunden zählen. Diese sollen einen fünfstelligen Betrag bezahlen, damit sie einen pharmagenehmen Experten für die Sendung vermitteln dürfen.

Es war nicht das erste Mal, dass der Inhaber der PR-Agentur solche Angebote erhielt, bisher aber meist nur telefonisch: «Die Anfragen von ‹Gesundheit Sprechstunde› sind immer sehr kurzfristig. Es heisst dann, ob ich nicht Interesse hätte, einen meiner Kunden in der Sendung zu platzieren.» Es werde auch signalisiert, dass er mit PR-Material und der Bestimmung von Experten Einfluss auf den Inhalt der Sendung nehmen könne.

In der Anfrage der «Gesundheit Sprechstunde», die dem Beobachter vorliegt, tönt es anders. Markus Meier schlug der PR-Agentur vor, Anfang September über ein konkretes verschreibungspflichtiges Medikament eines bestimmten Herstellers zu berichten.


Fragwürdige Methoden bei Suche nach Sponsoren für «Gesundheit Sprechstunde»
Die Gesundheitssendung gerät wegen des Mailverkehrs ihres Medizinischen Leiters erneut in Erklärungsnot.
Tagesanzeiger, 02.09.2010
http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/Fragwuerdige-Methoden-bei-Suche-nach-Sponsoren-fuer-Gesundheit-Sprechstunde-/story/28361527

Beobachter-Bericht bestätigt

In der heutigen Ausgabe berichtet der «Beobachter», dass Meier einer PR-Agentur ankündigte, eine Sendung über ein bestimmtes Medikament zu machen. Und ob die Herstellerfirma sich nicht mit zwischen 10'000 und 20'000 Franken an den «Produktionskosten beteiligen» und dafür einen Experten stellen wolle.

Deutsch bestätigt den Inhalt des «Beobachter»-Berichts im Wesentlichen, betont indes, es sei nicht um ein Medikament gegangen und dass die Redaktionsleitung die Experten aussuche und nicht Meier. «Es kann einer noch so viel zahlen wollen, wenn er fachlich nicht ausgewiesen oder nicht telegen ist, dann lege ich mein Veto ein», sagt Deutsch.
There is no such thing as a free lunch! | Wissen ist Macht! | «Heb den Blick, die Sterne sind geblieben!» Carl Zuckmayer | Venöse MS?
Benutzeravatar
ibex
 
Beiträge: 47
Registriert: 04. Jul. 2009, 11:34
Wohnort: Chablais

Vizepräsidentin Wissenschaftlicher Beirat und Prof. RADP

Beitragvon ibex » 02. Sep. 2010, 20:15

ibex hat geschrieben:Ist Dr. Myriam Schluep (Vizepräsidentin wiss. Beirat) unabhängig? Wissen wir dies?

Dr. Myriam Schluep, Vizepräsidentin Wissenschaftlicher Beirat der MS-Gesellschaft
Myriam Schluep has served as a consultant for Merck-Serono, has received honoraria, payment for development of educational presentations, and travel support from Merck-Serono, Biogen Dompé, Novartis, Sanofi-Aventis, and Bayer Schering.

Quelle: The Lancet Neurology, 28. Jan 2010
Lancet ist eine angesehene medizinische Fachzeitschrift.

Die Studie wurde von den Schweizer Steuerzahlern (Schweizer Nationalfonds) und der MS-Gesellschaft mitbezahlt:
This work was supported by grants from the Swiss National Foundation (PP00B-106716, PP00P3-124893 to RADP, and 32003B-110040 to HHH), a grant from the Swiss Society for Multiple Sclerosis to RADP, and an unrestricted grant from Biogen Dompé to RADP.


ibex hat geschrieben:Die anderen Exponenten?

Prof. Renaud du Pasquier
Service de Neurologie et Service d'Immunologie et Allergologie, CHUV, Lausanne
Renaud A du Pasquier (RADP) has received unrestricted grants from Biogen Dompé and Bayer Schering, served as an expert for Biogen Dompé, Novartis, and Merck-Serono, received honoraria and payment for development of educational presentations from Biogen Dompé, Novartis, and Merck-Serono, and has received travel support from Merck-Serono, Biogen Dompé, and Bayer Schering.

Quelle: The Lancet Neurology, 28. Jan 2010
This work was supported by grants from the Swiss National Foundation (PP00B-106716, PP00P3-124893 to RADP, and 32003B-110040 to HHH), a grant from the Swiss Society for Multiple Sclerosis to RADP, and an unrestricted grant from Biogen Dompé to RADP.


Sind wir von den angesprochenen Personen oder der MS-Gesellschaft über diese Interessenkonflikte informiert wurden?

Sind Interessenkonflikte schädlich?
Die Interessenkonflikte sind nicht direkt schädlich, sie können aber ein Risiko für beeinflusste (d.h. nicht unabhängige und ev. schlechte) Entscheide schaffen. Das kann z.B. die Empfehlung für eine Therapie betreffen.
Interessenkonflikte sind definiert als Gegebenheiten, die ein Risiko dafür schaffen, dass professionelles Urteilsvermögen oder Handeln, welches sich auf ein primäres Interesse beziehen, durch ein sekundäres Interesse unangemessen beeinflusst werden.

Ein Risiko. Wie kann man sich ein Risiko vorstellen?
Das geht z.B. mit dem Beispiel des Rauchens: Rauchen erzeugt nicht direkt Lungenkrebs, aber Rauchen erhöht das Risiko für Lungenkrebs. Als Folge erkranken mehr Raucher als Nichtraucher an Lungenkrebs.
Zwei Beispiele: 1) Helmut Schmitt war ein deutscher Bundeskanzler, bekennender Raucher und ist mittlerweile über 90 Jahre alt und raucht immer noch. 2) Georg Harrison von den Beatles starb 2001 an Lungenkrebs. Er rauchte in den 60er und vermutete dies als Grund seiner Erkrankung.

Werden die Raucher auf das Risiko hingewiesen?
Ja, auf jeder Packung muss es geschrieben sein. (→ Transparenz)

Hat die Tabakindustrie dies freiwillig gemacht?
Und wenn nein, warum nicht?
There is no such thing as a free lunch! | Wissen ist Macht! | «Heb den Blick, die Sterne sind geblieben!» Carl Zuckmayer | Venöse MS?
Benutzeravatar
ibex
 
Beiträge: 47
Registriert: 04. Jul. 2009, 11:34
Wohnort: Chablais

Prof. Kappos und die redaktionelle Hilfe

Beitragvon ibex » 08. Aug. 2010, 10:49

Der Fingolimod ("MS-Pille von Novartis") Artikel von Prof. Kappos ist nun frei zugänglich: Kappos L et al.: A Placebo-Controlled Trial of Oral Fingolimod in Relapsing Multiple Sclerosis, N Engl J Med 2010

Interessanterweise wurden auch die Deklarationen zu den Interessenkonflikten aller Autoren veröffentlicht: Disclosures Formular (PDF).

ibex hat geschrieben:Arbeitet Prof. Dr. med. Kappos nicht für die Universität Basel und wird durch diese bezahlt?

Ja! Die Pharmagelder werden der Universität gezahlt.
Wenn die Pharmaindustrie nun einmal nicht mehr zahlt, kann sein Institut weiterarbeiten?

Interessanterweise wird die Bezahlung der Pharmagelder beim Mitautoren Prof. Hohlfeld, (Vorstand Deutsche MS-Gesellschaft und Vorstand ärztlicher Beirat der DMSG) anders gehandhabt. Diese Gelder werden, ausser der direkten Forschungsunterstützung, ihm persönlich ausgezahlt, wie dem Disclosures Formular zu entnehmen ist.
(Prof. Kappos und Prof. Kesselring sind übrigens auch Mitglieder des ärztlichen Beirates der DMSG.)

Interessant ist auch die Angabe:
We thank ... Hashem Salloukh of Novartis Pharma and Tom Potter, Kate Holmes, and Rowena Hughes of Oxford PharmaGenesis for editorial assistance with a previous version of this article.

Wir danken ... x von Novartis Pharma und ... xyz von Oxford PharmaGenesis für die redaktionelle Hilfe mit einer früheren Version dieses Artikels.
Quelle: N Engl J Med 2010

Wie weit ging die "redaktionelle Hilfe" der früheren Version?
Im Extremfall könnte das heissen, dass ein Entwurf des Artikels vorgeschrieben wurde und Prof. Kappos am Ende noch "seinen Stempel aufgedrückt" hat (und dann die Lorbeeren einheimst). Solche Extremfälle hat es übrigens schon gegeben, siehe Bioethical Inquiry, 2010. Prof. Kappos ist als Erstautor des Artikels angegeben. Mit den vorhandenen Informationen lässt sich der Umfang der Hilfe beim Artikel über die MS-Pille von Novartis nicht bestimmen.

Wer ist nun das Unternehmen Oxford PharmaGenesis und was macht dieses?
Oxford PharmaGenesis gehört zu den Auftragsinstituten (engl. Contract Research Organisation, CRO) der Pharmaindustrie. Dies sind kleine spezialisierte, teilweise hoch spezialisierte Unternehmen die Arbeiten in der pharmazeutischen Forschung für die pharmazeutische Industrie übernehmen.

Auf der Homepage beschreibt sich Oxford PharmaGenesis so:
Oxford PharmaGenesis™ Ltd is a specialist medical communications consultancy. From offices in Europe and North America, we write and produce educational campaigns on behalf of the global pharmaceutical industry.
At Oxford PharmaGenesis™, we believe in concentrating on what we do best – writing.

Oxford PharmaGenesis™ ist ein spezialisiertes Medizinalkommunikations-Beratungsunternehmen. Wir schreiben und produzieren Ausbildungskampagnen (educational campaigns) im Auftrag der globalen pharmazeutischen Industrie. Wir haben Sitze in Europa und Nordamerika.
Wir von Oxford PharmaGenesis glauben an unsere Konzentration auf das was wir am besten können - schreiben.
Quelle: Oxford PharmaGenesis, August 2010

Welcher Schüler träumt nicht davon, dass lästige Aufgaben wie Arbeiten schreiben von der "Klassenbesten" übernommen würden?
Schliesslich bleibt dann mehr Zeit für die angenehmen Tätigkeiten wie Fussballspielen oder in die Badi gehen.
There is no such thing as a free lunch! | Wissen ist Macht! | «Heb den Blick, die Sterne sind geblieben!» Carl Zuckmayer | Venöse MS?
Benutzeravatar
ibex
 
Beiträge: 47
Registriert: 04. Jul. 2009, 11:34
Wohnort: Chablais

Prof. Kesselring, Präsident der SMSG

Beitragvon ibex » 31. Jul. 2010, 10:14

Disclosure: Jürg Kesselring serves or has served on data safety monitoring boards of clinical trials in multiple sclerosis sponsored by Biogen, Novartis, Serono, Schering and Wyeth.
Support: The publication of this article was funded by Biogen Idec, Inc. The views and opinions expressed are those of the author and not necessarily those of Biogen Idec, Inc.

Quelle: European Neurological Review Seite 58 (Seite 56 in der Druckversion), 1. Juli 2010
There is no such thing as a free lunch! | Wissen ist Macht! | «Heb den Blick, die Sterne sind geblieben!» Carl Zuckmayer | Venöse MS?
Benutzeravatar
ibex
 
Beiträge: 47
Registriert: 04. Jul. 2009, 11:34
Wohnort: Chablais

Dr. Norman Putzki, Kantonsspital St. Gallen

Beitragvon ibex » 27. Jul. 2010, 20:48

In einer Infoveranstaltung der MS-Gesellschaft hält Dr. Norman Putzki vom Kantonsspital St. Gallen (und Universitätsklinikum Essen) am 28.08.2010 in Wil den Vortrag "«Neues Medikament zeigt Wirkung…» – und was heisst das für mich?".

Gemäss der „medpage Today“ Webseite, welche sich auf eine Präsentation vom American Academy of Neurology (AAN) Kongress 2010 bezieht, bestehen die folgenden finanziellen Interessenkonflikte:
Putzki disclosed financial relationships with Biogen Idec, Merck Serono, Schering, Teva Neuroscience, sanofi-aventis, Allegan, Ipsen and Novartis.

Sinngemässe Übersetzung: Putzki gibt finanzielle Verbindungen zu Biogen Idec, Merck Serono, Schering, Teva Neuroscience, sanofi-aventis, Allegan, Ipsen and Novartis an.

Quelle: Medpage Today, 17. April 2010

Sanofi-Aventis ist auch hier einer der Sponsoren.

Da bin ich versucht anzufügen
…und was heisst das für mich?
There is no such thing as a free lunch! | Wissen ist Macht! | «Heb den Blick, die Sterne sind geblieben!» Carl Zuckmayer | Venöse MS?
Benutzeravatar
ibex
 
Beiträge: 47
Registriert: 04. Jul. 2009, 11:34
Wohnort: Chablais

Ein Lehrstück

Beitragvon ibex » 24. Jul. 2010, 18:37

Deutsche Herzstiftung im Rhythmus von Sanofi-Aventis
Multaq® (Dronedaron) ist ein Medikament von Sanofi-Aventis, das der Kontrolle der Herzfrequenz bei Vorhofflimmern dienen soll, einer bei älteren Menschen recht verbreiteten Herzrhythmusstörung.

Seit Januar ist Multaq® in Deutschland zu haben. Das Medikament gilt als wirkschwächer als das schon lange auf dem Markt befindliche Konkurrenzpräparat Amiodaron. Dafür ist Multaq® aber rund fünf mal so teuer.

Unabhängige Experten zeigen sich wenig begeistert von Multaq@. Das Arzneitelegramm (a-t, 02/2010) beklagt methodische Mängel in den vom Hersteller vorgelegten Studien und urteilt:
Im Vergleich zu Amiodaron verhindert Dronedaron Rezidive eines Vorhofflimmerns deutlich schlechter.
[...]
Bevorzugte Strategie bei Vorhofflimmern ist die Kontrolle der Ventrikelfrequenz. Dronedaron ist hier zwar Plazebo überlegen, ein Vergleich mit Standardmitteln wie Betablockern fehlt jedoch.
[...]
Bei derzeitiger Datenlage sehen wir keine Indikation für die teure Amiodaronvariante.


Eigentlich wenig aufregend. Nichts, was die Herzpatienten in Deutschland in Unruhe versetzen sollte. Umso mehr überrascht eine gestern erschienene Pressemitteilung der Deutschen Herzstiftung, die ihren Weg in verschiedene Online-Medien gefunden hat. Anlass: Der Verein veranstaltet im November die "Herzwochen" zum Thema Herzrhythmusstörungen. In der Meldung äußert sich Prof. Thomas Meinertz, seit Juni frisch gekürter Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung, allgemein zu der Behandlung von Herzrhytmusstörungen.

Weiter heißt es (Hervorhebungen von mir):
Die Herzwochen richten sich an Patienten, Ärzte und die vielen Menschen, die sich generell für das Thema Herzrhythmusstörungen interessieren. Sie sollen die Möglichkeit bekommen, von unabhängigen Experten auf dem Gebiet der Herz-Kreislauf-Erkrankungen Informationen zu den wichtigsten Entwicklungen zu erhalten.

Zu den Fragestellungen gehören zum Beispiel:
- Wie werden Herzrhythmusstörungen diagnostiziert?
- Was ist mit Rhythmusmedikamenten zu erreichen? Welche Risiken sind mit ihnen verbunden?
- Was ist von dem neuen Medikament gegen Vorhofflimmern, Dronedaron, zu halten?


Was unabhängige Experten von dem Präparat halten, wissen wir ja schon.

Aber was die "Deutsche Herzstiftung" wohl davon hält?

Ich habe da eine Vermutung. Denn, wie es der Zufall will: Ihr frisch gekürter Vorstandsvorsitzender, der das Präparat allem Anschein nach in die Pressemitteilung gehoben hat, arbeitet in Sachen Dronedaron als bezahlter Meinungsbildner für Sanofi-Aventis. Man traf ihn noch kürzlich auf Pressekonferenzen und Marketingveranstaltungen von Sanofi-Aventis, anlässlich derer er die Vorzüge des Medikaments zu preisen wusste.

http://gesundheit.blogger.de/stories/1668539

Zur Info: Sanofi-Aventis vermarktet Copaxone® und gehört auch zu den Sponsoren von Prof. Kappos und PD Dr. Myriam Schluep.
There is no such thing as a free lunch! | Wissen ist Macht! | «Heb den Blick, die Sterne sind geblieben!» Carl Zuckmayer | Venöse MS?
Benutzeravatar
ibex
 
Beiträge: 47
Registriert: 04. Jul. 2009, 11:34
Wohnort: Chablais

Re: Zum Nachdenken . . .

Beitragvon malaika » 26. Jun. 2010, 09:58

Hoi Ibex
Das mit den Interessenkonflikten scheint mir in der Tat ein sehr heikles, schwieriges und komplexes Thema zu sein - ich wusste zwar, dass Prof. Kesselring (Präsident unserer MS Gesellschaft) und auch Prof. Kappos (aerzt. Beirat unserer Schweiz. MS Gesellschaft) in der Forschung tätig sind. Neu ist mir jetzt, dass z.B. Prof. Kappos, der Leiter der Baslerstudien für das neue MS Medi "Fingolimod" ist, das bald auf den Markt kommen soll.... 8) Umso gespannter bin ich nun auf eine hoffentlich baldige, erneute Stellungnahme der Schweiz. MS Gesellschaft zum Thema der CCSVI.

Links
http://www.unibas.ch/index.cfm?uuid=462 ... how_long=1

Schöns WE - Malayca
Hoffnung ist der absolute Glaube an den Eintritt des "Un"möglichen
Benutzeravatar
malaika
 
Beiträge: 1494
Registriert: 18. Mai. 2004, 12:43

Was versteht man unter Interessenkonflikten?

Beitragvon ibex » 25. Jun. 2010, 08:20

Im Buch „Conflict of Interest in Medical Research, Education, and Practice„ wurde ein Interessenkonflikt folgendermassen definiert (Seite 6, online einsehbar):
Übersetzung AWMF hat geschrieben:Interessenkonflikte sind definiert als Gegebenheiten, die ein Risiko dafür schaffen, dass professionelles Urteilsvermögen oder Handeln, welches sich auf ein primäres Interesse beziehen, durch ein sekundäres Interesse unangemessen beeinflusst werden.

Nachzulesen in
Lo B, Institute of Medicine (U.S.). Conflict of interest in medical research, education, and practice. Washington D.C.: National Academies Press; 2009. URL: http://www.nap.edu/catalog.php?record_id=12598

Dazu meint Prof. D. Klemperer:
Der Begriff Interessenkonflikt bezeichnet einen Zustand. Dieser Zustand ist gegeben, wenn materielle oder soziale Vorteile in einem Spannungsfeld zu den primären ärztlich-ethischen Zielsetzungen stehen. Entscheidend ist das Vorliegen eines Spannungsfeldes bzw. eines Konfliktes. Wie sich der Konflikt auswirkt, ist unerheblich für die Frage, ob ein Interessenkonflikt vorliegt. Auch die Meinung des Betroffenen darüber oder sein Gefühl sind bedeutungslos. Wenn also jemand meint, keinen Interessenkonflikt zu haben, spielt das keine Rolle, denn Interessenkonflikt bezeichnet einen objektiven Sachverhalt. Interessenkonflikt – dies sei noch einmal betont, weil es eine häufige Quelle für Fehleinschätzungen ist – bezeichnet einen Zustand und nicht ein Verhalten. Interessenkonflikte werden häufig nicht angegeben, weil der Betroffene zwar einen Interessenkonflikt erkennt, jedoch meint, dieser beeinflusse ihn nicht.
Interessenkonflikte können das Urteilsvermögen beeinträchtigen. Die Beeinträchtigung zeigt sich in einseitiger und verzerrender Abwägung von Argumenten und Sachverhalten, der Vermeidung wichtiger Fragen, fehlender Ernsthaftigkeit in der Suche nach Wahrheit und Unfähigkeit, die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind. Offenlegung von Interessenkonflikten bezeichnet Thompson als notwendig aber nicht hinreichend, weil die Offenlegung das Problem der möglichen Beeinflussung nicht löst.

Nachzulesen in
Klemperer D. Interessenkonflikte und Beeinflussung. Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen. 2009;103(3):133-135. URL: http://davidklemperer.de/2009-03-18_ZEFQ_275_dk.pdf

Die AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.), welche ein Zusammenschluss von 154 deutschen wissenschaftlichen Fachgesellschaften aus allen Bereichen der Medizin ist, hat folgende Empfehlungen zum Umgang mit Interessenkonflikten herausgegeben.
Die Bedeutung von Interessenkonflikten und die Notwendigkeit, diese offen darzulegen und bei Entscheidungen zu berücksichtigen, sind zunehmend in den Fokus öffentlicher Diskussion gerückt [1,2]. Die Relevanz von Interessenkonflikten bei medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften ergibt ich durch ihre Aktivitäten bei Publikationen von Studien, in der Fort- und Weiterbildung sowie bei der Leitlinienentwicklung. Medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaften sind aufgefordert – wie andere Institutionen, die sich an Patientenversorgung, Forschung und Lehre, Fort- und Weiterbildung sowie an der Erstellung von Leitlinien beteiligen, Verfahren zum Umgang mit Interessenkonfliktverfahren einzuführen und anzuwenden. Die AWMF hat deshalb Empfehlungen zum Umgang mit Interessenkonflikten für Publikationen in Fachgesellschaftsorganen, für Fachgesellschaftskongresse und Leitlinienentwicklung erarbeitet.

Nachzulesen in
Bauer H, Manfred Gogol, Toni Graf-Baumann, Haverich A, Klemperer D, Selbmann H, u. a. Empfehlungen der AWMF zum Umgang mit Interessenkonflikten bei Fachgesellschaften. 2010 Apr 23;URL: http://awmf.org/res/empf-coi.pdf
There is no such thing as a free lunch! | Wissen ist Macht! | «Heb den Blick, die Sterne sind geblieben!» Carl Zuckmayer | Venöse MS?
Benutzeravatar
ibex
 
Beiträge: 47
Registriert: 04. Jul. 2009, 11:34
Wohnort: Chablais

Transparenz

Beitragvon ibex » 08. Mai. 2010, 21:31

Salü

Mit meinen letzten Postings wollte ich ein paar Fakten und Hintergrundinformationen als Diskussionsbasis liefern.

Ich finde die Schweizerische MS Gesellschaft ist eine wichtige Institution. Die Organisation gibt sich Mühe für ihre Unabhängigkeit und ist sich als Organisation der Einflussnahme auf die Organisation bewusst und hat z.B. im August 2004 Leitlinien für die Zusammenarbeit mit Pharmafirmen erstellt. Wie steht es aber mit den Exponenten der Gesellschaft?

In den Pharmaleitlinien heisst es am Ende des Abschnittes Kommunikation:
Informationen über Medikamente oder klinische Studien werden von unabhängigen Fachleuten der Schweiz. MS-Gesellschaft (z.B. von Mitgliedern des Wissenschaftlichen Beirates oder von Mitarbeitenden des Bereichs Wissen & Forschung) verfasst, geprüft und freigegeben.

Was ist eine unabhängige Fachperson? Gehört Prof. Kappos mit seinen 22 Interessenkonflikten zu Pharmaunternehmen dazu? Sind diese Interessenkonflikte irgendwo bei der Gesellschaft veröffentlicht? Ist Dr. Myriam Schluep (Vizepräsidentin wiss. Beirat) unabhängig? Wissen wir dies? Die anderen Exponenten?

Wie die Universität Basel mit den Interessenkonflikten von Prof. Kappos umgeht ist deren Sache.
Die MS-Gesellschaft ist unsere Gesellschaft. Ich finde sie und unsere Exponenten sollten frei von Interessenkonflikten sein. Sie sollten nur in unserem Interesse handeln.
Im Minimum finde ich sollten wir über bestehende Interessenkonflikte orientiert sein, sei es auf der Website bei den Personen, den Dokumenten oder Interviews in Illustrieren. In der Wissenschaft ist dies ja bereits lange gang und gäbe.

Was denkt ihr? Wie steht ihr zu den obigen Fragen? Mich nimmt euere Meinung wunder.

Es grüsst,
ibex
There is no such thing as a free lunch! | Wissen ist Macht! | «Heb den Blick, die Sterne sind geblieben!» Carl Zuckmayer | Venöse MS?
Benutzeravatar
ibex
 
Beiträge: 47
Registriert: 04. Jul. 2009, 11:34
Wohnort: Chablais

F.A.Z. Artikel

Beitragvon ibex » 06. Mai. 2010, 20:32

Heute ist gerade ein Artikel über die Publikation im deutschen "Ärzteblatt" erschienen, die ich bereits hier gepostet habe:
Medizin am langen Arm der Krankheitsindustrie

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist etwa in der selben Liga wie die NZZ und hat eine Partnerschaft mit der NZZ.
There is no such thing as a free lunch! | Wissen ist Macht! | «Heb den Blick, die Sterne sind geblieben!» Carl Zuckmayer | Venöse MS?
Benutzeravatar
ibex
 
Beiträge: 47
Registriert: 04. Jul. 2009, 11:34
Wohnort: Chablais

Der Einfluss der pharmazeutischen Industrie in der Medizin

Beitragvon ibex » 30. Apr. 2010, 21:56

ibex hat geschrieben:Jelinek G and Neate S: The influence of the pharmaceutical industry in medicine. Journal of Law and Medicine, Volume 17, Number 2, October 2009, 216. PMID 19998591. PDF.

Im ersten Posting habe ich einen wissenschaftlichen Artikel von G. Jelinek angegeben, der 2009 im Fachmagazin "Journal of Law and Medicine" (Journal für Recht und Medizin) erschienen ist. Dort werden wichtige Fakten vermittelt und ich finde diese sollte man kennen. Da nicht alle englisch können haben wir den Artikel übersetzt. Die Sprache ist leider teilweise etwas kompliziert(, aber der Inhalt ist spannend :) ).

George A Jelink ist Professor für Notfallmedizin (emergency medicine) in Australien und Chefredaktor (editor-in-chief) der Fachzeitschrift (journal) Emergency Medicine Australasia.

Was man vielleicht auch noch wissen sollte ist, dass George Jelinek selbst MS hat. In seinem Buch schreibt er, dass er seit seiner Diagnose einige Dinge anders wahrnimmt und bewertet. Er kennt durch seinen Beruf und seine Krankheit beide Seiten. Seine Arbeit als Chefredaktor gibt ihm zusätzliche Einblicke in den Forschungsbetrieb.
Er ist mit einigen Dingen nicht zufrieden so wie sie jetzt sind, bei MS und in der medizinischen Forschung.

Übersetzung als PDF

Übersetzungswiki: Englisch und Deutsch nebeneinander
Danke an Oliver für den Hauptteil der Übersetzungsarbeit!


ABSTRACT | ZUSAMMENFASSUNG
Pharmazeutische Unternehmen sind dafür bekannt zu den profitabelsten Unternehmen der Welt zu gehören. Die Akten von Rechtsfällen sowie veröffentlichte Forschungsergebnisse geben Einblick in die Natur des Einflusses der Pharmakonzerne auf Forschung und Veröffentlichungspraxis bezüglich der Medikamente, die sie herstellen, Marketing als "Weiterbildung" tarnen sowie den Einfluss auf Ärzte, die ihre Medikamente verschreiben. Der Einfluss der Pharmaunternehmen erstreckt sich weiterhin auf das Sponsoring von Meinungsmachern, die ihre Medikamente promoten und auf jene Gruppen, die klinische Leitlinien herausgeben. Eine strengere Regulierung des Verhältnisses zwischen der Industrie und Medizin ist notwendig.

EINLEITUNG
Es gibt eine weitverbreitete Besorgnis unter der Ärzteschaft und der Gemeinschaft über den Interessenkonflikt zwischen profitorientierten Pharmaunternehmen - mit ihrer Pflicht, den Verkauf ihrer Produkte zum Nutzen der Aktionäre zu maximieren - und den Mitglieder der Ärzteschaft, die diese Produkte den Patienten empfehlen. Dieser Artikel untersucht den Einfluss der Pharmaindustrie auf die medizinische Forschung und die Praxis. Der Artikel soll aus der medizinischen Literatur den Umfang solcher Interessenkonflikte aufdecken, die Auswirkungen dieses Konflikts auf Forschung und Veröffentlichungspraxis, und somit auf die klinische Praxis zeigen.

DIE PHARMAZEUTISCHE INDUSTRIE
Die pharmazeutische Industrie arbeitet hochprofitabel. Einige Pharmaunternehmen zählen zu den weltweit grössten und gewinnbringensten Unternehmen. Marcia Angell, ehemalige Chefredakteurin des "New England Journal of Medicine", hat die Branche als "Überflossen von Geld" beschrieben, sowie durchgehend als die profitabelste Industrie seit den 1980er Jahren. Ihr Buch "The Truth About the Drug Companies" (dt. "Der Pharma-Bluff") vermerkte [1], dass in der 2002er "Fortune 500" (die die Einnahmen der Top-500-Unternehmen in den Vereinigten Staaten dargelegt hat), der Gesamtgewinn der Top-10-Pharmaunternehmen (US-$ 35.9 Milliarden) den Gesamtgewinn der anderen 490 Unternehmen (US-$ 33.7 Milliarden) überstieg. Weiterhin fand sie, dass der Gewinn der Pharmaunternehmen 17% des Umsatzes beträgt, verglichen mit 4,6% bei den übrigen Unternehmen. Das sind hochprofitable und machtvolle multinationale Unternehmen, und es lohnt sich, dies im Sinn zu behalten, wenn man den Einfluss der Pharmaindustrie auf die Medizin betrachtet.

Die pharmazeutischen Unternehmen sagen, dass diese Gewinne notwendig sind, da viel vom Gewinn der pharmazeutischen Industrie wieder in die Forschung und Entwicklung gesteckt wird, weil die Medikamentenentwicklung teuer ist. Angell widerlegt diese Behauptung und stellt fest, dass die Marketing-Budgets der Unternehmen bei weitem ihre Budgets für Forschung und Entwicklung übersteigen. Der Faktor beträgt etwa drei zu eins. Weiterhin sind die Gehälter der Führungskräfte der Pharmaunternehmen enorm, und, es ist erschreckend, dass eine beträchtliche Menge Geldes dafür ausgegeben wird, um Ärzte "weiterzubilden". Die Weiterbildung von Ärzten durch die Unternehmen, die die Produkte verkaufen, über die sie die Ärzte weiterbilden, erzeugt das Potential für tiefe Interessenkonflikte.

EINFLUSS DER INDUSTRIE AUF FORSCHUNGSRESULTATE
Von Pharmaunternehmen geförderte Forschung ist bekanntlich unabhängiger Forschung in einer Reihe von Punkten unterlegen. Der Zusammenhang zwischen positiven Ergebnissen bei randomisierten Studien und der Finanzierung durch die Industrie scheint erstmals 1986 dokumentiert worden zu sein. [2] Es wurde seither gezeigt, dass bei Industrie-geförderter Forschung signifikant häufiger positive Ergebnisse in Krebs [3]- und Orthopädie [4]-Zeitschriften erscheinen, sowie bei randomisierten kontrollierten Studien, die im British Medical Journal veröffentlicht wurden [5] sowie in fünf allgemein medizinischen Fachzeitschriften [Anm. Übersetzung: nicht spezialisiert auf ein Fachgebiet, wie z. B. Neurologie].[6] Systematische Überprüfungen haben ergeben, dass pharmaunternehmengesponserte Forschung rund 3,6 [7] bis viermal [8] so wahrscheinlich für das Produkt eines Unternehmens günstig ist, als unabhängig finanzierte Forschung. Die Forschung hat festgestellt, dass solche Studien öfter positiv ausfallen aufgrund verzerrter Interpretation der Ergebnisse. [9]

Weiterhin empfehlen die Autoren von unternehmensgeförderter Forschung mehr als fünfmal so häufig wie unabhängige Autoren die Medikamente des Unternehmens. [10] Bei Forschern mit Industrieverbindungen konnte gezeigt werden, dass sie weitaus häufiger Abeiten veröffentlichen, die günstig für das Produkt des Unternehmens sind, als durch Autoren ohne solche Verbindungen. Im Falle von Kalziumantagonisten z. B. hatten 96% der Autoren von Arbeiten, die günstig für ein bestimmtes Medikament waren, finanzielle Verbindungen zu dem Unternehmen, das das Medikament herstellt, im Vergleich zu 37%, deren Papiere kritisch waren. [11]

EINFLUSS DER INDUSTRIE AUF DIE FORSCHUNGSAUSFÜHRUNG, PUBLIKATION UND MEDIKAMENTENZULASSUNG
Es ist äusserst wahrscheinlich, dass die Pharmaindustrie in der Lage ist, durch die Kontrolle eines Grossteil der Forschung in der pharmazeutischen Industrie, Regulierungsbehörden wie die Food-and-Drug-Administration (FDA) [Anm. Übersetzung: FDA ist die amerikanische Regierungsbehörde, die neue Medikamente zulässt und bestehende Medikamente überwacht. In der Schweiz ist dafür Swissmedic zuständig.] in den Vereinigten Staaten und die Therapeutic Goods Administration (TGA) in Australien zu überzeugen, dass Medikamente zugelassen werden sollten, auch wenn die Nachweise, die diese Zulassung stützen, in Wirklichkeit weniger als überzeugend sind. Bei der Genehmigung eines Arzneimittels für die klinische Anwendung akzeptiert die FDA die Ergebnisse von klinischen Studien der Pharmafirmen, die das Medikament herstellen. Diese Untersuchungen müssen nicht notwendigerweise in peer-reviewed Journals [Anm. Übersetzung: wissenschaftliche Zeitschriften mit einem Review, d.h. Kontrolle durch unabhängige Forscher; diese Journale sind der Normalfall in der Forschung] veröffentlicht worden sein.

Im Falle der Antidepressiva untersuchten die Forscher 42 FDA-Beiträge für die sechs am häufigsten verwendeten Antidepressiva zwischen 1987 und 1999. [12] Interessanterweise dauerten die meisten der 42 Studien sechs Wochen, ungeachtet der Tatsache, dass diese Substanzen im Allgemeinen für den langfristigen Gebrauch beworben und verschrieben werden. Die Studien zeigten, dass in randomisierten kontrollierten Studien Placebos zu 80% so effektiv waren wie die Medikamente. Der Unterschied im Vergleich von Placebos zum Medikament betrug durchschnittlich zwei Punkte auf einer 62-Punkte-Skala der Stimmung. Dies war ein statistisch signifikanter Unterschied; ob er klinisch bedeutend ist, ist eine andere Sache. Die Forscher fanden heraus, dass die Wirkung nur von klinischer Bedeutung war für Patienten, die sehr stark depressiv waren.[13] Wenn es aber in der Tat so wenig zusätzlichen Nutzen der Antidepressiva gegenüber Placebo gab, warum wurde es so viele Patienten, die meisten von ihnen nicht schwer depressiv, verordnet?

Während die FDA alle diese Studien betrachtet bei seiner Feststellung, ob sie das Medikament zulässt oder nicht, wurden viele Studien gar nicht veröffentlicht. In der Tat wurde eine erhebliche Verzerrung bei dem was veröffentlicht wird und was nicht, gezeigt. Selektive Berichterstattung kann bedeuten, dass Ärzte einen unrealistischen Blick auf die Wirksamkeit von solchen Medikamenten bekommen. Um wieder die Antidepressiva zu nehmen, zeigten die Forscher, dass von 74 Studien, die bei der FDA registriert worden sind, um Antidepressiva zu lizensieren, 38 positive Ergebnisse hatten, und von diesen wurden 37 veröffentlicht. [14] Sechsunddreissig Studien hatte negative oder zweifelhafte Ergebnissen; von diesen wurden 22 nicht veröffentlicht, 11 wurden in einer Weise veröffentlicht, dass sie positiv erschienen, und nur drei wurden gemäss den Forschern veröffentlicht. Insgesamt erweckte die veröffentlichte Literatur den Eindruck, dass 94% der Studien positiv waren, während die FDA-Literatur zeigte, dass 51% positiv waren. Eine Meta-Analyse der veröffentlichten Literatur versus FDA-Literatur zeigten einen um ein Drittel grösseren Effekt bei den veröffentlichten Daten. Eine selektive Berichterstattung kann deutlich die Einschätzung des Nutzens von Medikamenten erhöhen.

Die Pharma-Industrie hat auch signifikanten Einfluss auf das Forschungsverhalten und die Berichterstattung. In einer nationalen Umfrage von 823 australischen Fachärzten berichteten 12,3%, dass Personal aus der Industrie die ersten Entwürfe für ihre Veröffentlichung schrieb. [15] Weitere 6,7% berichteten von verzögerten Veröffentlichungen, 5,1% von Nicht-Veröffentlichung von wichtigen negativen Befunden und 2,2% vom Verschleiern von Ergebnissen. Insgesamt 71 Befragte (8,6%) erfuhren mindestens ein Ereignis, das eine Verletzung der Forschungsintegrität darstellen könnte.

Während Ärzte, die skeptisch gegenüber dem Marketing der Pharmaunternehmen sind, in der Regel der medizinischen Fachliteratur trauen [16], kann dieses Vertrauen manchmal fehl am Platze sein, aufgrund der Manipulation in der Veröffentlichungspraxis durch Pharmaunternehmen. Forschungsberichte in mehreren gutrecherchierten Fällen wurden grundlegend durch Pharma-Sponsoring beeinflusst. Im Fall von Mercks Vioxx (Rofecoxib) haben Forscher gezeigt, dass viele Artikel, die von den unternehmenseigenen Forschern oder von gewerblichen medizinischen Schreibunternehmen [Anm. Übersetzung: Diese Unternehmen sind darauf spezialisiert, wissenschaftliche Publikationen zu erstellen oder vorzubereiten. Dies ist ein eigener Industriezweig im Bereiche der pharmazeutischen Forschung.] geschrieben wurden, mit "Gastautoren" publiziert wurden, welche akademische Forscher waren, die vom Unternehmen angeworben wurden. [17] Weiterhin wurde berichtet, dass das Unternehmen das Sterblichkeitsrisiko, das mit dem Medikament verbundenen war, in veröffentlichten Studien verschleierte, trotz der Kenntnis aus hausinternen Berichten. [18]

Bei australischen Gerichtsverfahren wurde gezeigt, dass Merck den führenden medizinischen Verlag Elsevier finanziell unterstützte, damit eine Publikation veröffentlicht wurde, die den Anschein hatte, es aber nicht war, eine medizinische Fachzeitschrift zu sein (Das Australasian Journal of Bone and Joint Medicine), die die Vorteile von Vioxx herausstellte [19], und somit die Fähigkeit von Ärzten, zwischen Marketing und Wissenschaft zu unterscheiden, weiter erodierte.

DIE BEZIEHUNG ZWISCHEN PHARMAUNTERNEHMEN UND ÄRZTEN
Phamaunternehmen belohnen Ärzte, die Forschung für sie übernehmen. In der bereits erwähnten australischen Studie von 823 Fachärzten, berichteten 41% dieser Ärzte die Beteiligung an industriegesponsorter Forschung im vorangegangenen Jahr. [20] Diesen Ärzten wurde rund dreieinhalb mal häufiger, industrie-gesponserten Artikel [Anm. Übersetzung: Geschenke, Gratismuster, ...] über $A 500 offeriert, und fast fünfeinhalb Mal häufiger als bei anderen, wurde Unterstützung für die Teilnahme an internationalen Konferenzen angeboten. Für Ärzte, die Mitglieder von Beiräten sind, stieg diese Zahl auf das siebenfache und auf das neunfache für bezahlte Berater der Industrie.

Eine Vielzahl von Anreizen wird den Ärzten angeboten. Die gleiche australische Umfrage ergab, dass:
  • 96% wurden Lebensmittel angeboten;
  • 94% wurden Büroartikel angeboten;
  • 75 bis 84% wurden zu Produkteinführungen, Symposien oder "Weiterbildungsveranstaltungen" eingeladen;
  • 52% hatten Angebote für Reisen zu Konferenzen erhalten; und
  • 50% waren persönliche Geschenke, Zeitschriften oder Lehrbücher angeboten worden. [21]
Die Autoren berichteten, dass 66 bis 79% der Angebote angenommen wurden.

Diese Probleme sind weit verbreitet. Ein US-Studie berichtete, dass 94% der Ärzte von einer Verbindung zur Industrie berichten, dabei akzeptierten 83% Lebensmittel und 78% Gratisgaben.[22] Weitere 35% erhielten Geld als Erstattungen, dabei erhielten 28% Direktzahlungen für Vorträge etc. Die Umfrage zeigte, dass Marketing auf die Meinungsführer konzentriert ist, die wahrscheinlich die Verschreibungspraxis anderer Ärzte beeinflussen. Kardiologen erhalten zweimal so wahrscheinlich wie andere Ärzte Anreize.

Dieser Interessenkonflikt ist im gesamten Berufsstand verbreitet. Ein Beispiel für das Ausmass wurde in einer Studie berichtet, welche die Verbindung zu Pharmaunternehmen von Mitgliedern des Ausschusses für die Sicherheit der Arzneimittel in Grossbritannien untersuchte.[23] Dieser Ausschuss berät die britische Regulierungsbehörde über neue Arzneimittelzulassungen. Von den 29 Mitgliedern des Ausschusses hatten 23 finanzielle Interessenkonflikte. Dreizehn der Mitglieder hatten Verbindungen zu fünf Unternehmen, vier mit 10 Unternehmen und drei mit 20 Unternehmen.

Es mag überraschen, dass selbst klinische Leitlinien, nach verbreiteter Ansicht objektiv und unabhängig, gelegentlich von dem Hersteller eines Arzneimittels gesponsort werden, welches in den Leitlinien empfohlen wird [24], Autoren hat, die Vortragshonorare und Reiseunterstützung von der Pharmafirma erhalten haben [25] und die Verteilung der Leitlinien vom Medikamentenhersteller gesponsort wird [26].

Das Ausmass dieses Interessenkonflikts kann auch gewürdigt werden, wenn man bedenkt, dass das New England Journal of Medicine, die Zeitschrift unter den allgemeinen medizinischen Zeitschriften, die weithin als die mit der strengsten Politik für die Einschränkung und Offenlegung potentieller Interessenkonflikte der Autoren gilt, im Jahr 2002 gezwungen war, eine 12-jährige Politik umzustossen, die jeden mit finanziellen Verflechtungen vom Schreiben eines Leitartikels oder Reviews ausschliesst, weil es nicht genug Autoren ohne Verflechtung finden konnte. [27]

DER EINFLUSS DER INTERESSENKONFLIKTE AUF DIE VERSCHREIBUNGEN
Es könnte argumentiert werden, dass dieser weitverbreitete Interessenkonflikt kein Problem darstellt, wenn es nicht das Verschreibungsverhalten von Ärzten ändert. Wenn jedoch die Beteiligung der Pharmaindustrie nicht die Verschreibungspraxis ändert, fragt man sich, warum die Pharmaunternehmen ihre Ressourcen mit solchen Aktivitäten verschwenden. Die sozialwissenschaftliche Forschung zeigt, dass selbst kleine, unbedeutende Geschenke den Empfänger beeinflussen.[28] Während Ärzte im allgemeinen verneinen, dass sie beeinflusst werden, [29] verschreiben Ärzte, die Pharma-Events besuchen, eher ein Produkt, auch ohne wissenschaftlichen Beweis des Nutzens.[30] Es wurde berichtet, dass Werbemassnahmen zur Erhöhung der Verschreibungen, zu irrationalen Verschreibungen [Anm. Übersetzung: nicht medizinisch begründet] und zur Akzeptanz einer kommerziellen anstatt einer wissenschaftlichen Sicht führt. [31]

WIE PHARMA FIRMEN IHRE VERKÄUFE ERHÖHEN
Die Industrie nutzt eine Vielzahl von Techniken, um den Umsatz zu steigern. Informationen aus Gerichtsprozessen dokumentieren einige dieser Praktiken. Eine solche Praxis ist es, durch "Weiterbildung" der Ärzte über vermeintliche Vorteile bei einer zweiten Krankheit (condition) die Ärzte zu ermuntern, ein Medikament, welches für eine Krankheit (condition) zugelassen ist, "off label" für andere Krankheiten (condition) einzusetzen. Die pharmazeutische Industrie ist nicht verpflichtet, Regulierungsbehörden zu überzeugen, dass ein Medikament wirksam ist, wenn es off-label verordnet wird. Ärzte können ein Medikament für jede Krankheit (condition) verschreiben, nicht nur für jene Krankheit für welche es von den Aufsichtsbehörden zugelassen wurde. Die Unternehmen können Meinungsführer gewinnen (gegen Bezahlung), die andere Ärzte über den Nutzen eines Medikaments unterrichten, ein für eine Krankheit (condition) zugelasses Medikamenet off-label für eine andere zu verwenden, was zu einer Erhöhung der Verschreibung führt.

Nehmen wir das Beispiel von Neurontin® (Gabapentin). Dieses Medikament wurde von der FDA im Jahr 1994 für "Epilepsie, wenn andere Medikamente versagt haben, in Kombination mit einem anderen" zugelassen, das heisst, es war ein dritte-Linie-Epilepsie-Medikament. Im Jahr 1996 klagte David Franklin, ein Parke-Davis-Mitarbeiter, dass es ein massives illegales Schema gab, um den Einsatz von Neurontin für den Off-Label-Gebrauch zu promoten. Gerichtsbeweise zeigten, dass das Unternehmen Wissenschaftler bezahlte, um ihren Namen auf fadenscheinige Forschung zu setzen, die zeigt, dass das Medikament für andere Krankheiten (condition) wirksam war (bipolare Störungen, post-traumatische Belastungsstörung, Schlaflosigkeit, Restless Legs, Hitzewallungen, Migräne, Spannungskopfschmerz, etc.). Diese "Forschung" wurde weithin durch "Weiterbildungs-Treffen" an niedergelassene Ärzte verbreitet, die von Ärzten durchgeführt wurden, die dafür bezahlt wurden, die Vorteile aufzuzeigen.[32]

Interessant ist, dass das Unternehmen die Verschreibung der Ärzte nach diesen Veranstaltungen verfolgte und eine 70%ige Erhöhung der Verschreibungen fand.[33] Es genügt zu sagen, dass Neurontin ein "Blockbuster" (> 1 Mrd. US $ pa) [Anm. Übersetzung: pa = pro Jahr] wurde, mit einem Umsatz von 2,7 Milliarden Dollar im Jahr 2003, ein erstaunliches Ergebnis für ein drittklassiges Epilepsiemedikament. Achtzig Prozent des Umsatzes wurde mit "Off-label"-Einsatz (condition) gemacht. Im Effekt wurde Neurotonin ein allgemeines Gegenmittel für chronische Beschwerden bei Patienten mit langandauernden Krankheiten (condition). Im Mai 2004 bekannte sich Pfizer, der Parke-Davis übernommen hatte, der "illegalen Vermarktung" schuldig und zahlte US $ 430 Millionen Schadenersatz, ein kleiner Prozentsatz der jährlichen Einnahmen aus den Verkäufen des Medikaments.[34] Dies wirft die wichtige Frage auf, was mit all den Leuten passiert, die immer noch Neurontin nehmen, ein Medikament, von dem eine Vielzahl von Nebenwirkungen bekannt sind? Und was ist mit all den verschreibenden Ärzten, die in Unkenntnis der Gerichtsentscheidung sind?

In der Tat scheint eine neue Industrie aus dieser Praxis der Off-Label-Promotion von Arzneimitteln zu wachsen. Im März 2008 fand die 6. Jahreskonferenz Off-Label-Nutzung zur "Minimierung rechtlicher Risiken, welche mit Off-Label-Marketing verbunden sind" im Hilton Philadelphia Airport statt. Laut Broschüren umfassten die Highlights der Konferenz folgende (aus dem Flyer):

Jüngste Zwangsmassnahmen zeigen die Prioritäten und Initiativen der FDA, Analyse der Multi-Millionen-Dollar-Einigungen, Identifizierung, was Regierungsuntersuchungen auslöst: Lernen Sie, die roten Warnlampen zu identifizieren, vorbildliche Verfahren (best practices) durch pharmazeutischen Unternehmen, um die Bestimmungen der Selbstregulation einzuhalten, um eine Untersuchung der Regierung zu vermeiden und das Privileg zu maximieren, was man tun und was man lassen sollte bei der Förderung durch Dritte, die Gewährleistung der internen Zusammenarbeit für eine effektive Ausbildung des Verkaufspersonals und Überwachungsprogramme, um Haftung zu reduzieren.

Ein völlig neuartiger Ansatz zur Maximierung der Unternehmensgewinne wurde von Astra Zeneca durch das "Haifischflossen"-Projekt demonstriert. Wiederum sind es Gerichtsverfahren, die uns einen seltenen Einblick in die dubiosen Praktiken der Pharmaunternehmen ermöglichen. Dies kam, weil Omeprazol kurz vor dem Ende seines Patents im Jahr 2001 stand, nachdem 26 Milliarden US $ für die Behandlung von Verdauungsbeschwerden verdient wurden. Das Unternehmen wusste, dass die Gewinne abstürzen würden (wie die andere Seite einer Haifischflosse), da Generika verfügbar werden, wenn das Patent endete. Ein "Think Tank" wurde damit betraut mit diesem Problem umzugehen. Er entschied eines der beiden Isomere Omeprazol (Esomeprazol) getrennt als Nexium zu vermarkten, das heisst, dieses "neue" Medikament war in der Tat ein umgepackte Version ihrer alten Medizin. Ungeachtet, dass das Medikament equipotent [Anm. Übersetzung: gleich wirksam] ist, verglichen sie dann 40mg Nexium mit 20mg Omeprazol. Natürlich erschien Esomeprazol, mit der zweifachen Dose von Omeprazol wirksamer und es wurde später als überlegenes Medikament vermarktet. Astra Zeneca reichte im Februar 2001 ein Patent für Nexium ein, und verwendete 0,5 Milliarden Dollar für die Vermarktung an Ärzte und direkt an die Verbraucher, eine Praxis, die in den Vereinigten Staaten erlaubt ist. Nexium wurde zu einem Blockbuster-Medikament und in den Vereinigten Staaten für $ 4,09 pro Tablette verkauft, versus 67ct für die alten omeprazole.[35]

Dieses Verhalten war Gegenstand einer Sammelklage an den United States District Court in Delaware im frühen 2005. [36] Die Klage warf eine falsche, irreführende und täuschende Werbung vor. Die Klage wurde abgewiesen. Das Urteil stellte fest, dass die Werbung den von der FDA zugelassenen Regeln entsprach; daher Bundesrecht dem Staterecht vorging. Eine nachträgliche Beschwerde beim Dritten United States Circuit Court of Appeals im Juni 2007 wurde ebenfalls abgewiesen, [37] mit der Begründung, dass die FDA die "ausschliessliche Zuständigkeit" habe für Medikamente die Werbung zu regulieren. Eine abweichender Richter (Cowen J) wies darauf hin, dass solche "implizite Konfliktvorsorge" des Staates gesetzlich gerechtfertigt gewesen wäre, da die FDA keine Macht hat, von der Werbung eine vorherige Zulassung zu verlangen und sie keine Ressourcen zur Überwachung der Werbung hat.

SICHT VON PROMINENTEN JOURNAL-REDAKTOREN
Redaktoren von medizinischen Fachzeitschriften (Medical journal editors) haben in der Regel einen genaueren Blick als die meisten auf die Fragen rund um Interessenkonflikte zwischen Ärzten und pharmazeutischer Industrie. Zum grössten Teil haben sie kein besonderes Interesse, und man könnte erwarten, ihre Ansichten seien leidenschaftslos. Allerdings kaufen Pharmaunternehmen eine grosse Anzahl Nachdrucke ihrer eigenen veröffentlichten Forschung, eine grosse Einnahmequelle für medizinische Zeitschriften, was zu einem Interessenkonflikt führen kann, auch für die Journal-Redaktoren.

Es ist beunruhigend, die weithin dokumentierte Besorgnis über diese Zusammenhänge von den Herausgebern einiger unserer einflussreichsten Zeitschriften zu sehen. Marcia Angell, ehemalige Chefredakteurin des New England Journal of Medicine, schrieb:
Diese Industrie ist gegenwärtig in erster Linie eine Marketing-Maschine, um Medikamente von zweifelhaftem Nutzen zu verkaufen, und sie nutzt ihre Macht und ihren Reichtum um jegliche Institutionen, die ihr im Wege stehen könnten, zu übernehmen (co-opt), einschliesslich des US-Kongress, der FDA, akademische medizinische Zentren und die Ärzteschaft selbst. [38]

Laut Richard Horton, Chefredakteur der "The Lancet", haben sich die "Fachzeitschriften in Informationswaschmaschinen (information laundering operations) für die pharmazeutische Industrie verwandelt." [39]

Richard Smith, angesehener ehemaliger Chefredakteur des British Medical Journal (BMJ) (25 Jahre lang), wurde besonders kritisch: "Ich muss gestehen, dass es mir fast ein Vierteljahrhundert Herausgabe der BMJ kostete, um zu merken, was los war. " "Medizinische Fachzeitschriften", sagte er, "sind eine Erweiterung des Marketing-Arms der Pharma-Unternehmen." [40] Er weist darauf hin, dass der potenzielle Gewinn aus dem Nachdruck nur einer Studie US $ 1 Million (£ 0.5m) erreichen kann, und dass dieses potentielle Einkommen einen korrumpierenden Einfluss auf eine Zeitschrift hat, da viele Editoren für ihre Zeitschrift Gewinn erwirtschaften müssen. Daher ist Interessenkonflikt ein Problem mit weiterreichenden Auswirkungen, als die Urheberschaft und Sponsoring zugunsten von Studien. Smith fuhr fort:

Wie konnten wir einen Punkt erreichen an dem so viele Ärzte an einer Weiterbildung nicht teilnehmen, wenn es nicht mit freier Kost und einer Tüte mit "Goodies" verbunden ist? Etwas ist falsch und medizinische Fachzeitschriften sind ein Teil dessen, was falsch ist.

Er legte besonderen Stellenwert auf den Einfluss der Unternehmen auf randomisierte kontrollierte Studien: "Was passiert, ist, dass diese wichtige wissenschaftliche Erfindung - die randomisierte Studie - aus Gründen des Marketings beschädigt wird." Er resümierte mit den Worten, dass "die Industrie das Gesundheitswesen beherrscht, und die meisten Ärzte grosszügig durch sie bewirtet werden".

Wir sollten besonders besorgt sein, wenn Herausgeber unabhängiger Zeitschriften so schlussfolgern, wie es Marcia Angell tat:

Als ich den Industrieeinfluss wachsen sah, wurde ich zunehmend beunruhigt, weil viele Forschung, die veröffentlicht wird, äusserst mangelhaft ist, was dazu führt, dass die Ärzte glauben, neue Medikamente sind effektiver und sicherer, als sie tatsächlich sind.[41]

Sie bemerkte, dass es "In vielen medikamenten-intensiven medizinischen Fachrichtungen praktisch unmöglich ist, einen Experten zu finden, der keine Zahlungen von einem oder mehreren Pharmakonzernen erhalten hat" [42] Beide, Angell und ein weiterer ehemaliger Chefredakteur des New England Journal of Medicine, Dr. Jerome Kassirer, haben Bücher über den verderblichen Einfluss der Pharmaindustrie geschrieben.[43] Kassirer gab ein besonders vernichtendes Urteil über seine ärztlichen Kollegen ab, und ging so weit, zu sagen, "es darf nicht die Verantwortung der Patienten sein, sich gegen die Ärzteschaft zu schützen". Angell kam zu dem Schluss, dass die Beeinflussung das ganze System durchdringt und nicht nur auf einzelne Instanzen beschränkt ist. [44]

MÖGLICHE LÖSUNGEN
Australische Autoren haben eine Reihe von möglichen Lösungen für den zunehmenden Einfluss der Pharmaindustrie auf die medizinische Forschung und Praxis vorgeschlagen.[45] Sie plädieren für mehr Transparenz, einschliesslich der Möglichkeit einer strengen unabhängigen Überprüfung von Finanzierungsquellen, wie das für Politiker und Unternehmensleiter erforderlich ist. Ausserdem fordern sie, dass Zeitschriften von Meinungsführern einfordern sollten, dass diese frei von Interessenkonflikten sind.

Noch radikaler schlagen sie vor, dass es in unserem langfristigen Interesse sein dürfte, eine Kultur zu entwickeln, in der in der Medizin von Meinungsführern erwartet wird, ihr Fachwissen den Pharmaunternehmen pro bono [Anm. Übersetzung: gratis für alle] anbieten, und dass die akademischen medizinische Zentren unabhängige Büros für die medizinischen Weiterbildung einrichten, um die Finanzierung zu überwachen, möglicherweise mit dem Verbot von Geschenken, Essen und Reisen. Es gab kürzlich einen neuen Aufruf, um die praktischen Leitlinien für die Zusammenarbeit mit der pharmazeutischen Industrie auf alle Gesundheitsberufe zu erweitern.[46] Es ist schwer vorstellbar, dass diese Änderungen nicht eine wohltuende Wirkung auf die Integrität der wissenschaftlichen Forschung, Lehre und Publikation haben wird. In den Vereinigten Staaten hat Angell zur direkten Kontrolle durch die Regierung aufgerufen, mittels eines Instituts für Prescription Drug Trials, sagend, dass es absurd sei, diesen Unternehmen eine seriöse Bewertung ihrer eigenen Produkte zuzutrauen.[47]

SCHLUSSFOLGERUNGEN
Pharmafirmen gehören zu den profitabelsten Unternehmen der Welt. Die Pharma-Industrie ist eine starke Kraft in der Medizin, sie fördert Forschung und Veröffentlichung und beeinflusst die klinische Praxis durch Weiterbildung und Marketing. Pharmafirmen sind strafrechtlich verfolgt worden und haben illegale Vermarktung zugegeben. Der verbreitete Interessenkonflikt resultiert in Über-Verschreibung von vielen Arzneimitteln von zweifelhaftem Nutzen. Dieser Interessenkonflikt kann Ärzte dazu führen, die Gesundheitsförderung zugunsten der Pharmazeutika zu vernachlässigen.

Im Einzelfall sollten Ärzte prüfen, ob sie etwas von Pharmakonzernen annehmen, darunter Geschenke, Forschungsgelder oder Honorare. Alles zusammengenommen gibt es ein starkes Argument für eine stärkere Regulation des Verhältnisses zwischen der Industrie und dem medizinischen Berufsstand. Unsere Abhängigkeit in der Medizin von Arzneimittel lässt uns offen für Manipulation durch eine gewinnorientierte Industrie, welche eher gegenüber ihren Aktionären, als unseren Patienten verpflichtet ist.

_______________
Referenzen
[1] Angell M, The Truth About the Drug Companies. How They Deceive Us and What to Do About It (Random House Trade, New York, 2005) p 11.
Englisch: ''The Truth about the Drug Companies'', Marcia Angell, 2005, books.ch, CHF 23.90 amazon.de, 11€; Deutsche Übersetzung: ''Der Pharma-Bluff'', Marcia Angell, books.ch, CHF 43.90 amazon.de, 25€

[2] Davidson RA, "Source of Funding and Outcome of Clinical Trials" (1986) 1 J Gen Intern Med 155.
[3] Djulbegovic B, Lacevic M, Cantor A et al, "The Uncertainty Principle and Industry-sponsored Research" (2000) 356 The Lancet 635; Friedberg M, Saffran B, Stinson TJ et al, "Evaluation of Conflict of Interest in Economic Analyses of New Drugs Used in Oncology" (1999) 282 JAMA 1453; Hartmann M, Knoth H, Schulz D et al, "Industry-sponsored Economic Studies in Critical and Intensive Care Versus Studies Sponsored by Nonprofit-Organizations" (2003) 18 J Intensive Care Med 265; Knox KS, Adams JR, Djulbegovic B et al, "Reporting and Dissemination of Industry Versus Non-profit Sponsored Economic Analyses of Six Novel Drugs Used in Oncology" (2000) 11 Ann Oncol 1591; Peppercorn J, Blood E, Winer E et al, "Association Between Pharmaceutical Involvement and Outcomes in Breast Cancer Clinical Trials" (2007) 109 Cancer 1239.
[4] Khan SN, Mermer MJ, Myers E et al, "The Roles of Funding Source, Clinical Trial Outcome, and Quality of Reporting in Orthopedic Surgery Literature" (2008) 37 Am J Orthop E205, discussion at E212.
[5] Kjaergard LL and Als-Nielsen B, "Association Between Competing Interests and Authors' Conclusions: Epidemiological Study of Randomised Clinical Trials Published in the BMJ" (2002) 325 BMJ 249.
[6] Yaphe J, Edman R, Knishkowy B et al, "The Association Between Funding by Commercial Interests and Study Outcome in Randomized Controlled Drug Trials" (2001) 18 Fam Pract 565.
[7] Bekelman JE, Li Y and Gross CP, "Scope and Impact of Financial Conflicts of Interest in Biomedical Research: A Systematic Review" (2003) 289 JAMA 454.
[8] Lexchin J, Bero LA, Djulbegovic B et al, "Pharmaceutical Industry Sponsorship and Research Outcome and Quality: Systematic Review" (2003) 326 BMJ 1167.
[9] Als-Nielsen B, Chen W, Gluud C et al, "Association of Funding and Conclusions in Randomized Drug Trials: A Reflection of Treatment Effect or Adverse Events?" (2003) 290 JAMA 921.
[10] Als-Nielsen, Chen, Gluud et al, n 9.
[11] Stelfox HT, Chua G, O'Rourke K et al, "Conlict of Interest in the Debate Over Calcium-channel Antagonists" (1998) 338 NEJM 101.
[12] Kirsch I, Moore TJ, Scoboria A et al, "The Emperor's New Drugs: An Analysis of Antidepressant Medication Data Submitted to the US FDA. Prevention and Treatment" (2002) 5 ArtID 23.
[13] Kirsch I, Deacon BJ, Huedo-Medina TB et al, "Initial Severity and Antidepressant Benefits: A Meta-analysis of Data Submitted to the Food and Drug Administration" (2008) 5 PLoS Med e45.
[14] Turner EH, Matthews AM, Linardatos E et al, "Selective Publication of Antidepressant Trials and Its Influence on Apparent Efficacy" (2008) 358 NEJM 252.
[15] Henry DA, Kerridge IH, Hill SR et al, "Medical Specialists and Pharmaceutical Industry-sponsored Research: A Survey of the Australian Experience" (2005) 182 MJA 557.
[16] Angell M, "Industry-sponsored Clinical Research: A Broken System" (2008) 300 JAMA 1069.
[17] Ross JS, Hill KP, Egilman DS et al, "Guest Authorship and Ghostwriting in Publications Related to Rofecoxib: A Case Study of Industry Documents from Rofecoxib Litigation" (2008) 299 JAMA 1800.
[18] Psaty BM and Kronmal RA, "Reporting Mortality Findings in Trials of Rofecoxib for Alzheimer Disease or Cognitive Impairment: A Case Study Based on Documents from Rofecoxib Litigation" (2008) 299 JAMAA 1813.
[19] Peterson v Merck Sharp & Dohme (Aust) Pty Ltd (No 3) [2006] FCA 875.
[20] Henry D, Doran E, Kerridge I et al, "Ties that Bind: Multiple Relationships Between Clinical Researchers and the Pharmaceutical Industry" (2005) 165 Arch Intern Med 2493.
[21] McNeill PM, Kerridge IH, Henry DA et al, "Giving and Receiving of Gifts Between Pharmaceutical Companies and Medical Specialists in Australia" (2006) 36 Intern Med J 571.
[22] Campbell EG, Gruen RL, Mountford J et al, "A National Survey of Physician-Industry Relationships" (2007) 356 NEJM 1742.
[23] Abraham J, "The Pharmaceutical Industry as a Political Player" (2002) 360 The Lancet 1498.
[24] Millar JA, "Genesis of Medical Thromboprophylaxis Guidelines in Australia: A Need for Transparency and Standardisation in Guideline Development" (2009) 190 MJA 446.
[25] Fletcher JP, "Genesis of Medical Thromboprophylaxis Guidelines in Australia: A Need for Transparency and Standardisation in Guideline Development" (2009) 190 MJA 450.
[26] Millar, n 24.
[27] Drazen JM and Curfman GD, "Financial Associations of Authors" (2002) 346 NEJM 1901.
[28] Katz D, Caplan AL and Merz JF, "All Gifts Large and Small: Toward an Understanding of the Ethics of Pharmaceutical Industry Gift-giving" (2003) 3 Am J Bioeth 39.
[29] Brett AS, Burr W and Moloo J, "Are Gifts from Pharmaceutical Companies Ethically Problematic? A Survey of Physicians" (2003) 163 Arch Intern Med 2213.
[30] Lexchin J, "Interactions Between Physicians and the Pharmaceutical Industry: What does the Literature Say?" (1993) 149 CMAJ 1401.
[31] Wazana A, "Physicians and the Pharmaceutical Industry: Is a Gift Ever Just a Gift?" (2000) 283 JAMA 373.
[32] Steinman MA, Harper GM, Chren MM et al, "Characteristics and Impact of Drug Detailing for Gabapentin" (2007) 4 PLoS Med e134; Steinman MA, Bero LA, Chren MM et al. "Narrative Review: The Promotion of Gabapentin: An Analysis of Internal Industry Documents" (2006) 145 Ann Intern Med 284.
[33] Peterson M, "Doctor Explains Why He Blew the Whistle", New York Times (12 March 2003).
[34] Quoted in Angell, n 1, p 161.
[35] Gladwell M, "High Prices. How to Think About Prescription Drugs", New Yorker (25 October 2004).
[36] Watters v AstraZeneca Pharmaceuticals LP (Delaware District Court, Case No 1:2005cv00196, filed 5 April 2005) and Macken v AstraZeneca Pharmaceuticals LP (Delaware District Court, Case No 1:2005cv00220, filed 14 April 2005).
[37] Pennsylvania Employees Benefit Trust Fund, etc v Zeneca, Inc; AstraZeneca Pharmaceuticals, LP (United States Court of Appeals for the Third Circuit on appeal from the District of Delaware (Providence County), Case No 05-5340, 23 August 2007).
[38] Angell, n 1, p xxx.
[39] Horton R, "The Dawn of McScience" (2004) 51 New York Review of Books 7.
[40] Smith R, "Medical Journals are an Extension of the Marketing Arm of Pharmaceutical Companies" (2005) 2 PLoS Med e138.
[41] Angell, n 1, p xxx.
[42] Angell, n 1, p 142.
[43] Kassirer JP, On the Take: How Medicine's Complicity with Big Business can Endanger Your Health (Oxford University Press, New York, 2005).
[44] Angell, n 16.
[45] Haines IE and Olver IN, "Are Self-regulation and Declaration of Conflict of Interest Still the Benchmark for Relationships Between Physicians and Industry?" (2008) 189 MJA 263.
[46] Shipp DH and Mallarkey G, "Liaison Between Public Hospital Staff and the Pharmaceutical Industry: Guidance from the NSW Therapeutic Advisory Group" (2009) 190 MJA 406.
[47] Angell, n 16.

Gratulation allen, die bis hierher vorgedrungen sind! :mrgreen:
Mit diesen Fakten können die Informationen von den vorherigen Postings nochmals angeschaut werden.
There is no such thing as a free lunch! | Wissen ist Macht! | «Heb den Blick, die Sterne sind geblieben!» Carl Zuckmayer | Venöse MS?
Benutzeravatar
ibex
 
Beiträge: 47
Registriert: 04. Jul. 2009, 11:34
Wohnort: Chablais

Marketing vor Evidenz, Umsatz vor Sicherheit

Beitragvon ibex » 25. Apr. 2010, 13:18

Arzneimittelforschung: Marketing vor Evidenz, Umsatz vor Sicherheit
MEDIZIN: Editorial, DOI: 10.3238/arztebl.2010.0277 PDF
Erschienen am 23. April 2010

Editorial zum Beitrag: „Finanzierung von Arzneimittelstudien durch pharmazeutische Unternehmen und die Folgen – Teil 1: Qualitative systematische Literaturübersicht zum Einfluss auf Studienergebnisse, -protokoll und -qualität“ auf den folgenden Seiten von Gisela Schott et al.

Fakultät Sozialwesen, Hochschule Regensburg: Prof. Dr. med. Klemperer

Editorial hat geschrieben:Was würden Sie sagen, wenn der Ausgang eines Fußballspiels von einem der Vereine mit 5 : 0 und vom gegnerischen Verein mit 3 : 1 gemeldet würde, und zwar jeweils für die eigene Mannschaft? Genau dies ist das Ergebnis einer (1) der 57 Studien, die Schott et al. für ihre systematische Übersichtsarbeit (2) auf den folgenden Seiten zur Frage des Zusammenhangs von Finanzierung und Ergebnissen von Arzneimittelstudien ausgewertet haben: In fünf Studien hat die Firma Lilly ihre Substanz Olanzapin mit Risperidon verglichen (Ergebnis 5 : 0 für Olanzapin) und in vier Studien die Firma Janssen ihr Risperidon mit Olanzapin (Ergebnis 3 : 1 für Risperidon).

Dieses Beispiel ist genauso irritierend wie kennzeichnend. Schott et al. weisen im ersten Teil ihrer in dieser und der nächsten Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts erscheinenden Arbeit nach, dass Studien, die von der Industrie finanziert werden, für die untersuchte Substanz häufiger positive Ergebnisse erbringen als anderweitig finanzierte Studien. Die Autoren knüpfen methodisch und chronologisch an die systematische Übersichtsarbeit von Bekelman et al. (3) an und gelangen zu vergleichbaren, konsistenten Ergebnissen, die sich somit auf den Zeitraum von 1980 bis Ende 2009 beziehen. Überdeutlich erscheinen jetzt die systematischen Verzerrungen (Bias) beim Generieren von Arzneimittelwissen, die sich auf ein breites Spektrum von Substanzen beziehen, unter Beteiligung aller großen forschenden pharmazeutischen Firmen.

Manipulationstechniken
Wie die erwünschten Ergebnisse erzeugt werden, ist kein Geheimnis. Einer Studie einen Drall in die gewünschte Richtung zu geben, ist in jeder Phase des Forschungsprozesses möglich. Die Resultate können unterschiedlich ausfallen, je nachdem, was gefragt und was nicht gefragt wird, welche der möglichen Endpunkte einbezogen werden, welche Patienten ein- und ausgeschlossen werden, womit verglichen und welche Studiendauer gewählt wird. Bei der Auswertung ist die stillschweigende Veränderung primärer und sekundärer Endpunkte gang und gäbe (4). Das Verschweigen von Ergebnissen, die der Vermarktung einer Substanz hinderlich sein könnten, sowie die Uminterpretation negativer und nicht eindeutiger Ergebnisse in positive sind weitere Mittel der Manipulation. Pharmazeutische Firmen lassen somit Ärzte und Patienten häufig über die wahren Wirkungen ihrer Produkte im Unklaren. Die Wissensgrundlage, auf der wir Ärzte Behandlungsentscheidungen mit unseren Patienten treffen, ist häufig verfälscht. Dadurch gefährden wir unsere Patienten unwissentlich. So hat Rofecoxib nach Berechnungen von Topol (5) 160 000 zusätzliche Herzinfarkte und Schlaganfälle pro 10 Millionen exponierter Patienten ausgelöst. Durch manipulative Auswertung und selektive Weitergabe von Daten an die Zulassungsbehörden hat der Hersteller das Wissen um die Schadwirkungen der Öffentlichkeit vorenthalten (6). Ein kürzlich erschienener Untersuchungsbericht des amerikanischen Senats über GlaxoSmithKline und das Diabetes-Medikament mit dem Wirkstoff Rosiglitazon kommt zum Ergebnis, dass man im Unternehmen frühzeitig von der Erhöhung des Herzinfarktrisikos durch Rosiglitazon wusste, dieses Wissen jedoch nicht weitergab sondern es zu verschleiern versuchte (7, 8 ).

Die Arzneimittelforschung befindet sich in einer Schieflage. Die Mehrzahl der Studien wird von der Industrie finanziert. Große pharmazeutische Firmen haben in zahlreichen, durch interne Dokumente und Unterlagen gut dokumentierten Fällen die Evidenz verbogen, bis sie für das Marketing tauglich war (9).

Transparenz als Mittel gegen Manipulation
Was können wir Ärzte zur Lösung beitragen? Als erstes muss man die Zustände als nicht hinnehmbar benennen. Es gilt, den Zweck der Arzneimittelforschung wieder in den Mittelpunkt zu rücken, nämlich Krankheiten mit Substanzen zu behandeln, die über eine möglichst günstige Relation von Nutzenwahrscheinlichkeiten und Schadensrisiken verfügen. Daraus ergeben sich einige Schritte wie von selbst.

Da sich Akteure zumeist anreizgerecht verhalten, gilt es, die Anreize zu verändern. Werden beispielsweise Arzneimittel nur bei erwiesenem Zusatznutzen für patientenrelevante Endpunkte im Indikationsgebiet zugelassen, wie bereits 1990 vom Deutschen Ärztetag gefordert (http://davidklemperer.de/1990aet.pdf), wird die Industrie die Endpunkte ihrer Studien entsprechend definieren. Die Eckpunkte zur Umsetzung des Koalitionsvertrags für die Arzneimittelversorgung stellen einen Schritt in diese Richtung dar, wenn die Anforderungen an die Informationspflichten der Hersteller klar, stringent und verbindlich sind. Gegen Manipulation von Studien ist Transparenz das probate Mittel. Aus wissenschaftlicher Sicht spricht alles dafür und nichts dagegen, Studienprotokolle schon vor der Rekrutierung der Patienten einer breiten Fachöffentlichkeit vorzulegen, um eventuell Schwachstellen zu erkennen, bevor es zu spät ist. Für Cochrane-Reviews ist das eine schon lange geübte und bewährte Praxis. Auch die Rohdaten sollten kein Betriebsgeheimnis sein. Die Gewinnung und Auswertung der Daten sollte genauso nachvollziehbar sein wie ihre Interpretation. Studienregister stellen einen wichtigen Fortschritt dar, insbesondere zur Bekämpfung des Publikationsbias. Die von der WHO und anderen Organisationen für Register klinischer Studien geforderten Angaben (10) reichen für die notwendige Transparenz jedoch nicht aus.

Wenn wir es ernst meinen mit dem Patientenwohl, können die Dinge nicht so bleiben wie sie sind. Lösungen zu finden, dürfte weniger schwer sein als sie durchzusetzen. Der Gesetzgeber wird die Probleme allein und aus eigenem Antrieb nicht lösen. Die genannten Eckpunkte des Gesundheitsministeriums mögen in die richtige Richtung weisen. Die konkrete Umsetzung führt aber nur zum Ziel, wenn die Erkenntnisse der Studie von Schott et al. und das Wissen um die Manipulationstechniken angemessen gewürdigt werden. Dazu sollte man die Politik fachlich und politisch durch ein breites Bündnis unterstützen, zu dem die Ärzteschaft, andere Gesundheitsberufe und Verbraucherverbände zählen könnten. Die Bundesärztekammer hat mit der Finanzierung der Schott-Studie ein Zeichen gesetzt. Jetzt sollte sie die Lehren aus der Studie ziehen und konkrete Forderungen an die Politik richten, damit zum Schutze unserer Patienten die Evidenz über das Marketing siegt und Sicherheit vor Umsatz geht. „Nicht schaden“ muss auch für die pharmazeutische Industrie oberstes Gebot werden.

Ich möchte noch anmerken, dass obiger Text nicht von irgendeinem Chaoten geschrieben wurde und nicht irgendwo, sondern von einem deutschen Professor in der deutschen Ärztezeitschrift.

Was können wir Ärzte zur Lösung beitragen?

Was können wir Patienten zur Lösung beitragen?

Für mehr Transparenz einstehen? Beispielsweise bei den wissenschaftlichen Beiräten unserer MS-Gesellschaft?

Andere Vorschläge?

Ich denke wir sollten uns dies einmal überlegen.
There is no such thing as a free lunch! | Wissen ist Macht! | «Heb den Blick, die Sterne sind geblieben!» Carl Zuckmayer | Venöse MS?
Benutzeravatar
ibex
 
Beiträge: 47
Registriert: 04. Jul. 2009, 11:34
Wohnort: Chablais

Finanzierung von Studien durch Pharma und die Folgen

Beitragvon ibex » 25. Apr. 2010, 12:43

Es ist gerade eine interessante Studie im deutschen Ärzteblatt erschienen.

Finanzierung von Arzneimittelstudien durch pharmazeutische Unternehmen und die Folgen – Teil 1: Qualitative systematische Literaturübersicht zum Einfluss auf Studienergebnisse, -protokoll und -qualität

PDF

Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Berlin: Dr. med. Schott, Dipl.-Biol. Pachl, Prof. Dr. med. Gundert-Remy, Prof. Dr. med. Ludwig
Klinik für Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie, HELIOS Klinikum Berlin-Buch:
Prof. Dr. med. Ludwig*
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsmedizin Mainz:
Cand. med. Limbach, Prof. Dr. med. Lieb*
* Beide Autoren haben zu der Publikation zu gleichen Anteilen beigetragen.

Dtsch Arztebl Int 2010; 107(16): 279–85
DOI: 10.3238/arztebl.2010.0279

Abstract hat geschrieben:Hintergrund: Verschiedene Untersuchungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass von pharmazeutischen Unternehmen finanzierte klinische Studien zu Arzneimitteln im Vergleich zu unabhängig von den Firmen durchgeführten Untersuchungen häufiger ein Ergebnis haben, das für den Wirkstoff des Pharmaunternehmens günstig ausfällt. Außerdem wurden unterschiedliche Formen der Einflussnahme auf Arzneimittelstudien durch pharmazeutische Unternehmen festgestellt. Eine Übersicht über aktuelle systematische Untersuchungen zum Thema soll die derzeitige Datenlage darstellen.
Methode: Literaturstellen einer systematischen Recherche in der Datenbank PubMed (1. 11. 2002 bis 16. 12. 2009) wurden durch zwei Mitarbeiter unabhängig voneinander beurteilt, ausgewählt und durch Publikationen aus den Literaturverzeichnissen ergänzt.
Ergebnisse: 57 Publikationen wurden in die Auswertung eingeschlossen (Teil 1 und 2 der Publikation). Veröffentlichte Arzneimittelstudien, die von pharmazeutischen Unternehmen finanziert werden oder bei deren Autoren ein finanzieller Interessenkonflikt vorliegt, ergeben häufiger ein für die Pharmafirma vorteilhaftes Ergebnis als aus anderen Quellen finanzierte Untersuchungen. Außerdem werden die Resultate öfter zugunsten des Sponsors interpretiert als in unabhängig finanzierten Studien. Es zeigten sich Hinweise, dass pharmazeutische Unternehmen das Studienprotokoll zu ihren Gunsten beeinflussen. Die methodische Qualität in von Pharmafirmen finanzierten Studien stellt sich nicht schlechter dar als die Qualität von anders finanzierten Untersuchungen.
Schlussfolgerungen: Bei der Beurteilung eines Arzneimittels führen Angaben aus publizierten Studien, die von pharmazeutischen Unternehmen finanziert wurden, häufig zu einem verzerrten Bild. Dies wird nicht durch die methodische Qualität der Arzneimittelstudien erklärt.

Diskussion hat geschrieben:Klinische Arzneimittelstudien, die von pharmazeutischen Unternehmen finanziert werden oder bei denen Autoren einen finanziellen Interessenkonflikt haben, ergeben weitaus häufiger ein für das pharmazeutische Unternehmen günstiges Ergebnis als aus anderen Quellen finanzierte Studien. Darüber hinaus werden Daten in den Schlussfolgerungen in industriell finanzierten Studien häufiger zugunsten des Sponsors interpretiert. Dies ergab die vorliegende systematische Literaturrecherche und Analyse der zwischen dem 1. 11. 2002 und dem 16. 12. 2009 publizierten Untersuchungen zu verschiedenen Krankheiten, Studienarten (zum Beispiel RCT, Beobachtungsstudien) und Arzneimitteln. Das Ergebnis bestätigt damit Schlussfolgerungen zweier systematischer Übersichtsarbeiten aus dem Jahr 2003 mit vergleichbarer Fragestellung (7, 8 ). Das Prinzip der Equipoise, das heißt, der Unsicherheit darüber, welche Therapiealternative für den Patienten von größerem Nutzen ist, bildet die ethische Basis für klinische Forschung, in der Probanden verschiedenen Behandlungen zugeordnet werden (14). Dieses Prinzip scheint in durch pharmazeutische Unternehmen finanzierten Studien vielfach verletzt zu werden.

Die Ursachen dafür, dass von Pharmafirmen finanzierte Studien häufiger positive Ergebnisse erbringen, sind vielfältig. So ergaben vier Untersuchungen Hinweise darauf, dass pharmazeutische Unternehmen das Studienprotokoll zu ihren Gunsten beeinflussen (e12–e14, e19), zum Beispiel dadurch, dass häufiger Placebos in der Kontrollgruppe verwendet werden als in unabhängig finanzierten Studien (e12). Die Ergebnisse Placebo-kontrollierter Studien werden zwar teilweise für die Zulassung von den zuständigen Behörden verlangt, diese fordern jedoch auch zur Verwendung von aktiven Kontrollen auf (15). Weitere Faktoren, die das für den Sponsor häufig günstige Ergebnis in Studien, die durch pharmazeutische Unternehmen finanziert werden, bedingen, werden im Teil 2 dieser Übersichtsarbeit dargestellt.

Es fand sich kein Hinweis für eine schlechtere Studienqualität in von Pharmafirmen finanzierten Untersuchungen. Vielmehr zeigte sich in zwei Studien sogar eine Überlegenheit der methodischen Qualität (e16, e17). Allerdings muss man berücksichtigen, dass wichtige Parameter durch die zur Bewertung der Qualität verwendeten Instrumente nicht erhoben wurden, unter anderem die klinische Relevanz von Zielgrößen. In der Onkologie beispielsweise bestehen derzeit erhebliche Defizite bei der Gestaltung des Prüfplans klinischer Studien, die industriell gesponsert werden. Zum Beispiel gibt es Mängel bei der Definition patientenrelevanter Endpunkte und der Auswahl geeigneter Vergleichssubstanzen im Kontrollarm von RCT (16–19). Auch werden klinische Studien nach Zwischenanalysen häufig abgebrochen (20). Dadurch sind kurz nach der Zulassung eines Arzneimittels die Beurteilung des Zusatznutzens sowie der Sicherheit neuer Wirkstoffe in der Onkologie und somit auch eine Nutzen-Risiko-Bewertung häufig nicht möglich (21).

Interessenkonflikt hat geschrieben:Die Arbeit wurde aus Mitteln der Förderinitiative Versorgungsforschung der Bundesärztekammer unterstützt. Der 110. Deutsche Ärztetag hatte die Bundesärztekammer damit beauftragt, im Rahmen der Förderinitiative Versorgungsforschung die Einflüsse der Auftraggeber auf die wissenschaftlichen Ergebnisse von Arzneimittelstudien zu untersuchen.
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Ob dies nun auch auf die Studien von Novartis zutrifft, weiss ich nicht. Aber sie geht gehört in das eben untersuchte Schema.

Cohen JA, Kappos L et al: Oral Fingolimod or Intramuscular Interferon for Relapsing Multiple Sclerosis. The New England Journal of Medicine 2010 Jan 20. PMID 20089954.

Am Ende der Studie aufgeführte Interessenkonflikte hat geschrieben:Supported by Novartis Pharma.
There is no such thing as a free lunch! | Wissen ist Macht! | «Heb den Blick, die Sterne sind geblieben!» Carl Zuckmayer | Venöse MS?
Benutzeravatar
ibex
 
Beiträge: 47
Registriert: 04. Jul. 2009, 11:34
Wohnort: Chablais

Nächste

Zurück zu Medikamente/Forschung/Medizin

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast